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Der Bologna-Prozess: Reform oder Misere?

Heute bin via François Bry auf einen interessanten Artikel in der Süddeutschen Zeitung aufmerksam gemacht worden. Darin zieht Robert Stockhammer, Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften an der LMU München, ein negatives Fazit über die Umsetzung des Bologna-Prozesses. “Die Bachelor-Misere” ist eine Antwort auf den ArtikelSchämt euch!” von Wolfgang Seibel, Politik- und Verwaltungswissenschaftler an der Universität Konstanz und an der Hertie School of Governance Berlin. Ich habe beide Positionen miteinander verglichen.

Bologna Prozess in Der Bologna-Prozess: Reform oder Misere?Das Ziel des Bologna-Prozesses ist bekanntlich, ein einheitliches europäisches Hochschulwesen bis zum Jahr 2010 zu schaffen. Die Bildungsminister von 29 europäischen Nationen beschlossen, ein zweistufiges Abschlusssystem einzuführen, die Bachelor- und Master-Abschlüsse. Durch die Vereinheitlichung der universitären Strukturen soll die Mobilität zwischen Hochschulen und verschiedenen Ländern gefördert werden.

Seibel beklagt in seinem Artikel, es gehöre mittlerweile unter Professoren zum guten Ton, gegen die Reform zu sein. Dies gelte vor allem für die Geisteswissenschaften. Zudem kritisiert Seibel Uni-Bedienstete, die sich solidarisch mit den streikenden Studenten des Bildungsstreiks zeigten. Das Hauptproblem liege laut Seibel, in der mangelhaften Bereitschaft sich mit den Inhalten des Bologna-Prozesses auseinanderzusetzen. Stattdessen höre man immer wieder die gleichen Kritikpunkte: Verschulung des Studiums, ausbleibende Internationalisierung, Einschränkung der Mobilität, fehlender Praxisbezug und unsachgemäße Verwendung von Studiengebühren (oder überhaupt deren Erhebung).

Stockhammer sieht diesen Punkt gar nicht so verschiedenen. Auch er ist der Meinung, das ständige Klagen bringe nichts. Statt dessen gebe es durchaus Vorteile in der neuen Modul-Struktur an den Universitäten. So könnten dank der Module zwei oder mehr Veranstaltungen besser miteinander verzahnt werden. Allerdings, so schränkt er ein, könne man nicht die Vorteile der Module auf alle Studiengänge übertragen. Einige seinen besser dafür geeignet, andere weniger. Leider bestehe für Flexibilität in der Umsetzung kein Spielraum.

Seibel sieht das anderes. Es schreibt, schon vor der Einführung der Modul hätten gute Hochschule ihren Studenten sinnvolle Strukturen geboten. Allerdings sieht er hier an vielen Universitäten Nachholbedarf. “Ein professioneller Studienbetrieb auf hohem wissenschaftlichen Niveau, in dem zunächst einmal die Lehrenden Mindeststandards von Organisation und Betreuung der Studierenden erfüllen müssen, ist fordernd.” Dazu gehöre auch ein unterstützendes Angebot von Übungen und Tutorien, zugänglichen und gut ausgestatteten Bibliotheken und eine durchgehende Soziologie, BildungspoBewertung aller Lehrveranstaltungen durch die Studenten. Punkte, die dank Bologna-Prozess allmählich an den Universitäten eingeführt werden.

Stockhammer sieht das Hauptproblem in der Macht der Univerwaltungen. “Die Stabsstellen, Rechtsabteilungen und Prüfungsämter nutzen den Spielraum zur Spielraumverengung, und damit bleibt den Professoren kein Spielraum mehr.” Jegliche Eigenständigkeit würde im Keim erstickt. Die Lehrbeauftragten bekämen rigide, von allen fachlichen Erwägungen erfolgreich befreite Schemata vorgesetzt, an denen es nichts zu rütteln gebe. So kommt es, das einzelne Hochschulen zweisemestrige Module anbieten, andere haben sich für viersemestrige entschieden. Auch bei den ECTS-(Leistungs-)Punkten herrscht Uneinigkeit. Jede Hochschule in Deutschland regelt die Umsetzung der Reform nach eigenen Vorstellungen. Ein einheitlicher Hochschulraum Europa sieht anders aus.

Diesen Punkt sieht Seibel ähnlich, gibt aber nicht dem Bologna-Prozess die Schuld an den Problemen. Niemand habe die Universitäten gezwungen, “die Module ihrer Studiengänge zu hermetisch abgeschlossenen Lehrkontingenten auszubetonieren. Eher haben sich Fachbereiche einen solchen Unsinn von Akkreditierungskommissionen einreden lassen.” Hier seinen die Fachbereiche gefordert, zum Wohl der Studenten einheitliche Regelungen zu treffen. Es gebe durchaus positive Beispiele von Fakultäten, die ihren Studenten den Wechsel innerhalb Deutschlands oder ein Auslandssemester besonders leicht machen. Seibel kritisiert hier Universitäten, die ihren Studenten mutwillig Steine in den Weg legten und dafür auch noch Studiengebühren verlangten.

Ein weiteres Problem sieht Stockmeier in der zeitlichen Verdichtung des Studiums. Das für ein Studium notwendige Arbeitspensum entspreche jetzt einem 40-Stunden-Job mit nur sechs Wochen Jahresurlaub. Hausarbeiten, die in einigen Studiengängen eine wichtige Ausbildungsleistung darstellten, könnten kaum noch geschrieben werden, da für die Professoren keine mehr Zeit zum Lesen bleibt. Schließlich müssen die ECTS-Punkte fristgerecht dem elektronischen Punktekonto gut geschrieben werden. Zum Abschluss seines Artikels solidarisiert sich Stockmeier mit seinen streikenden Studenten. Es sieht für seinen Fachbereich kaum Vorteile aus der Umsetzung des Bologna-Prozesses.

Seibel zieht ein versöhnlicheres Fazit. “Die besseren Universitäten beweisen schon heute ihre Fähigkeit, sich im Wettbewerb des europäischen Hochschulraums mit attraktiven Bachelor- und Master-Studiengängen zu behaupten.” Viel mehr sieht Seibel das Problem in einer drohenden zwei-Klassen-Hochschullandschaft aus Universitäten, die die Reform sinnvoll zum Wohl der Studenten umgesetzt hätten und mittelmäßigen Universitäten, die die gebotenen Chancen nicht ergriffen haben.

Fazit: Natürlich haben beide recht. Das Hauptproblem, unter dem Professoren und Studenten gleichermaßen leiden, ist die unterschiedliche Umsetzung der Reform. Selbst innerhalb gleicher Bundesländer herrschen teilweise unvereinbare Unterschiede. Die Hochschulen haben den von der Politik bereitgestellten Freiraum bei der Einführung des Bologna-Prozesses ausgenutzt, nicht immer ganz im Sinn der Reform. Mobilität ist so nicht immer möglich. Es gibt Studiengänge, die besser mit dem Modul-System harmonieren als andere. Daher auch die unterschiedliche Beurteilung der Reform zwischen Literaturwissenschaftler und Politik- und Verwaltungswissenschaftler. Hier wäre mehr Flexibilität gefragt.

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Posted by Moritz Hanebeck on 02/07/2009

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